©Catherine von Guenther 2019

Embodiment

Genau hier in meinem Körper,

Ist der süße Yamuna Fluss, genau hier sind die Fluten des Ganges, genau hier sind die heiligen Städte und Sonne und Mond.

Heilige Stätten, Schreine und andere Orte, sie alle sind genau hier. Ich habe sie auf meinen Reisen besucht!

Es gibt keine Pilgerstätte, die wunderbarer und offener wäre als mein Körper, kein Ort, der es mehr Wert wäre erkundet zu werden.

~ Saraha, Tantric treasures, Roger R. Jackson, Oxford University Press

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Somatic Yoga und alle bewusst ausgeführten Bewegungskünste unterstützen uns, im eigenen Körper anzukommen und damit wieder ganz im Hier und Jetzt sein zu können. Dieser Zustand indem wir wieder eine natürliche Beziehung zum Körper haben und in ihm leben, wird Embodiment genannt. Wissenschaftlich versteht man unter Embodiment (übs: Verkörperung), dass der Geist, also das kognitive Denken und die Psyche mit samt dem Hauptorgan Gehirn immer im Bezug zum gesamten Körper steht. Geist/Gehirn und Körper, sind wiederum in die restliche Umwelt, also in mitmenschliche Beziehungen und in die Natur eingebettet. Das Konzept Embodiment behauptet, dass ohne diese zweifache Einbettung erstens in den Körper und zweitens in die Umwelt/Natur der Geist/das Gehirn nicht intelligent arbeiten kann und ohne die Würdigung dieser Zusammenarbeit, Verstand und Geist nicht verstanden werden können. Wahre Intelligenz erfordert also sogar das wir die Intelligenz des Körpers in den Prozess des Denkens und Handelns mit- einbeziehen. Embodiment ist der große Unterschied zwischen einen Körper haben, diesen besitzen und domestizieren zu wollen, oder ein Körper zu sein und in diesem zu leben.

 

Yoga, Tanz, Qi Gong etc. unterstützen durch die ständige Wiederholung von bewussten Bewegungsabläufen die Konnektivität des zentralen Nervensystems mit dem restlichen Körper, dadurch werden die neuronalen Bahnen immer weiter verdichtet und integrieren den Körper und seine Empfindungen in unser alltägliches Bewusstsein. Alle Bewegungskünste führen mit der Zeit in ein Verschmelzen von Tätigkeit und Bewusstheit. Das sogenannte Flow-Gefühl, indem Körper, Tätigkeit und Person eins werden, ist die Basis für ein sich immer weiter vertiefendes Embodiment.

Im Körper zu leben ist die ursprüngliche Form der menschlichen und animalischen Wahrnehmung, diese bedeutet sich eingebettet zu fühlen und eine natürliche Verbindung zu Pflanzen, Tieren und Menschen zu haben. Der Zustand des Embodiment ist stärker wahrnehmungsorientiert und gefühlsmäßig vielfältiger.

 Der Körper ist noch verbunden mit der Wildnis, er trägt die Erinnerung an Wälder und Steppen, Berge und Savannen und letztlich den Urozean in sich. In einem natürlichen Mensch-Sein können wir über den Körper, die Geheimnisse der Natur erforschen. Wir finden dadurch das Vertrauen zum Leben in der materiellen Welt wieder. Damit wird unsere ganze menschliche Erfahrung zu einem Pfad und alles was uns wiederfährt ist Teil des Prozesses, um das tiefste menschliche Potential zu entfalten und wieder ganz Mensch zu wer- den. Voll verkörpert zu sein, bedeutet präsent und im Augenblick zu sein, dadurch ist es uns möglich eine sich ständig vertiefende Beziehung zur lebendigen Welt aufzubauen.

Jede Sinneswahrnehmung ist ein Tor, die Lebendigkeit der Erde zu erforschen und in die Verbindung mit der Natur zu treten. So hilft das Embodiment uns nicht nur unseren Körper zurück zu gewinnen, sondern auch alle anderen Wesen, als einen Ausdruck des Lebens, das unseren eigenen Körper durchflutet zu achten und zu würdigen.

 Auch unsere innere Welt, Gefühle, Träume, Erinnerungen und Wünsche werden im Körper und durch den Körper erfahren, unsere Psyche ist untrennbar mit dem Körper verbunden. Wenn wir in den Körper eintau- chen, begeben wir uns auf eine Reise zu unserer tiefsten Essenz. Das Wissen des Körpers ist so viel reich- haltiger, bunter, voller und viel befriedigender als das rein begriffliche Denken. Dieses ist entwicklungsge- schichtlich wesentlich jünger und führt zu übermäßiger Kontrolle unserer Körper-Psyche.

Leider bedeutet das Leben in der Moderne häufig körperfremd sein zu müssen, und möglichst abstrakt und diskursiv denken zu können, bis zu einem Punkt, an dem Konzepte und Ideen mehr zählen als die Re- alität. Das Denken wird als wertvoller und kultivierter betrachtet, als die Empfindung des Körpers und die Gefühle der Psyche. Körperentfremdung führt so nicht nur zu einer belasteten Beziehung mit dem eigenen Körper, sondern auch zu einer Entfremdung weg von der Natur.

Heilung sowohl für uns als auch die Beziehung zur Erde bedeutet also die Ursprünglichkeit des Körpers wieder zu finden.